Der gemietete Kollege
In Coworking-Areas treffen sich einsame Freiberufler. Junge Kreative gründen Bürogemeinschaften, um dem einsamen Home-Office zu entfliehen. Coworking heißt der neue Trend. Der ist nicht nur kostengünstig - die Mieter erhoffen sich davon auch Synergieeffekte vom Nebeneinander unterschiedlicher Gewerbe.
Auf dem Weg in die schöne neue Arbeitswelt der Kreativen durchquert Karoline Ebel ein Café, das aussieht wie eine Mischung aus Uni-Teestube und Designerlounge. Dann steigt sie in den dunklen Lastenaufzug und drückt den Stahlknopf für Etage Drei. Scheppernd ruckelt die Transportkabine nach oben. Ächzend öffnet sie ihren metallenen Rolltorschlund.
Pläne fürs "nächste große Ding im Web"
Dahinter rumort die die so genannte digitale Bohème: Designer quietschen ihre Filzstifte über Flipcharts, PR-Berater tuscheln Krisenvokabular in ihre Handys, Programmierer hacken Codes für Internetspiele in die Tastaturen ihrer PCs. Auf 500 Quadratmetern weißgetünchter Industrieetage entwerfen die Freiberufler und Firmengründer, die meisten von ihnen im Alter von Mitte 20 und Mitte 30, Businesspläne für das "nächste große Ding im Web" - oder die eigene beruflich Zukunft.
Ihre Tische, aufgebockte Sperrholzplatten, stehen in langen Reihen oder zu kleinen Inseln zusammengerückt. Von der Decke baumeln Mehrfachsteckdosen wie schwarze Girlanden zu den Arbeitsplätzen hinab. Ebel biegt nach links und steuert auf ihren Schreibtisch zu. Wer heute an ihrem Nebentisch sitzt, weiß die 31-Jährige wie üblich noch nicht. Die Mieter wechseln hier manchmal täglich.
Tobias Kurfer Karoline Ebel 10 Euro pro Tisch und Tag
Seit einem halben Jahr arbeitet Ebel, freie Übersetzerin, im "betahaus", Berlins größter Coworking-Area. Die neuen Bürogemeinschaften sind, glaubt man Arbeitsmarktexperten, die Zukunft der Selbständigenarbeit. Die Mieter, "User" genannt, buchen ihre Schreibtische in den Fabriketagen und umgebauten Wohnungen tage- oder monatsweise, den Konferenzraum für ein paar Stunden. Ab 10 Euro pro Tag gibt es den Arbeitplatz, das Monatsticket kostet 120 Euro aufwärts.
Das günstige, flexible Arbeitsplatz-Sharing ist für viele Jungunternehmer existenziell. Sollte ihr Produkt am Markt floppen oder die Auftragslage einbrechen, können sie schnell wieder kündigen. Coworking meint, Freiberufler unterschiedlichster Gewerbe arbeiten nebeneinander unter einem Dach. Der Trend kommt aus New York, in Deutschland gibt es inzwischen rund zwei Dutzend Coworking-Spaces, in Berlin, Frankfurt, Paderborn, München und Leipzig etwa. Tendenz: steigend.
Zitat
„Bei manchen hat man den Eindruck, die haben eine Woche mit niemandem gesprochen. Die blühen hier richtig auf.“
Madeleine von Mohl, betahaus
Tastenklappern diszipliniert
Karoline Ebel knipst den Rechner an, packt Papiere auf den Tisch. Am Nachbarplatz versinkt eine junge Kolumbianerin in Studien für ihre Doktorarbeit. Viele, die hier täglich ihren Laptop aufklappen, haben zuvor Jahre lang zu Hause gearbeitet - und es irgendwann nicht mehr ausgehalten. "In den eigenen vier Wänden ist man ständig abgelenkt", sagt Karoline Ebel, "irgendwann erscheint einem der Abwasch wichtiger als der aktuelle Job." Das größte Problem ihrer Kunden aber sei die Einsamkeit, sagt Madeleine von Mohl, eine der Gründer des betahauses. "Bei manchen hat man den Eindruck, die haben eine Woche mit niemandem gesprochen. Die blühen hier richtig auf."
Der Plausch in der Kaffeeküche tut der sozial verarmten Seele der Heimarbeiter gut, das Tastenklappern der Anderen diszipliniert. Aber auch andere Vorteile hat das neue Miteinander der Solojobber, glaubt von Mohl: Coworking biete Synergieeffekte. Die Mieter schieben sich gegenseitig die Aufträge zu. Auch eine Art Tauschhandel der Dienstleistungen habe sich im betahaus etabliert. Prinzip: "Wenn Du meine Web-Site testest, helf' ich Dir beim Antrag auf Gründungszuschuss."
Experte: Bald mehr Coworking-Areas
Auch Willi Oberlander, Geschäftsführer des Instituts für Freie Berufe in Nürnberg, ist überzeugt: Wer mit anderen das Büro teilt, profitiert mehrfach. Er könne von den Erfahrungen der Tischnachbarn lernen, spare sich Zeit und Wege. Die Zahl der Coworking-Areas werde zunehmen, prognostiziert der Job-Experte. Die Zahl der Selbständigen nehme seit Jahren stetig zu.
Quelle: http://www.heute.de/ZDFheute/inhalt/1/0,3672,8037985,00.html
von Tobias Kurfer
