Im Takt von iPhone und Blackberry
16. Februar 2010 Gehört ein Smartphone zur Karriere? Nicht zwingend, aber besser ist es. Wie Tobias Meier schmerzhaft erfuhr. Der Banker hatte kurz vor „Feierabend“ - so meinte er - ein Gutachten über einen Kunden fertiggeschrieben und an die lieben Kollegen verschickt. Doch Feierabend war dank Blackberry und Co. noch lange nicht. Denn während Meier nichts Böses ahnend nach Hause fuhr, begann abends um 10 Uhr eine muntere Diskussion per E-Mail zwischen seinen Kollegen, seinem Chef und den Vorgesetzten in der Zentrale über die Qualität des Gutachtens, von der Meier nichts mitbekam. Da wurde munter seine Kompetenz in Frage gestellt, über vergessene Bewertungskriterien gelästert und für den nächsten Vormittag eine Sitzung einberufen.
Meier erhielt zwar von jeder E-Mail brav eine Kopie, doch sah er an diesem Abend alt aus. Und während seine Kollegen am nächsten Morgen bestens informiert in die Sitzung marschierten, wurde er böse überrascht. Mit Smartphone hätte er die Diskussion früh beenden können, denn die scheinbar vergessenen Bewertungskriterien standen fein säuberlich im Gutachten - doch die hatte niemand auf dem kleinen Bildschirm entdeckt, oder sie wurden geflissentlich überlesen.
Das Beispiel von Tobias Meier, der seinen echten Namen nicht in der Zeitung lesen will, zeigt: Work-Life-Balance hin oder her - für die Karriere können die kleinen Informationsverarbeiter wertvoll sein. Das gilt nicht nur für den abendlichen E-Mail-Verkehr, den Mitarbeiter in amerikanischen Konzernen wegen der Zeitverschiebung sowieso haben. Das gelte auch für zeitkritische Nachrichten, gerade in Berufen, die an Aktualität gekoppelt sind, sagt Peter Kruse. Als Psychologe befasst sich der Bremer Wissenschaftler mit dem Thema „Komplexitätsverarbeitung in intelligenten Netzwerken“, und als Unternehmensberater nutzt er seine Erkenntnisse in der Realität. Natürlich kämen gerade Personen in kreativen Berufen auch weiterhin prima ohne die technischen Hilfsmittel aus. „Aber wer heutzutage an die digitalen Informationen angekoppelt sein will, hat zu den Smartphones gar keine Alternative.“
Zuerst auf Twitter
Zum Beispiel lief kürzlich die Information vom Rücktritt des SAP-Vorstandsvorsitzenden Léo Apotheker zuerst auf Twitter. Viele Journalisten und Medien nutzen den Kurznachrichtendienst für die schnelle Verbreitung aktueller Informationen, die sich auf Smartphones mit Twitter-Programmen wie Tweetdeck oder Seesmic einfach lesen lassen. Twitter hat sich zu einer Informationsdrehscheibe entwickelt, auf der sich jeder seinen persönlichen Mix aus allgemeinen Informationen und Unternehmensnachrichten zusammenstellen kann - auch wenn er selbst gar nichts zu sagen hat. Moderne Geräte wie das Google-Handy Nexus One rufen die Informationen automatisch ab und geben ein Signal, wenn neue Nachrichten eingetroffen sind.
Mit dem Aufkommen von iPhone, Blackberry und Co. ist auch ein neues Zeitalter der Mobilität für Mitarbeiter angebrochen. Immer mehr geschäftliche Anwendungen - zum Beispiel SAP für den Blackberry - wandern von den stationären Rechnern auf die mobilen Geräte. Bestellungen oder Kundenmanagement lassen sich auch bequem vom iPhone aus erledigen. Zum Beispiel hat der Datenbankanbieter Sybase angekündigt, Inhalte aus Datenbanken auf viele Smartphones zu übertragen. Das soll Mobilität und Produktivität gleichermaßen erhöhen. Wohl dem Mitarbeiter also, der mitdenkt. Denn viele Anwendungen sind noch gar nicht erfunden, erfordern mithin die Initiative der Mitarbeiter.
Zum Beispiel hat das amerikanische Unternehmen Apperian, das von ehemaligen Apple-Mitarbeitern gegründet wurde, schon Geschäftsanwendungen für Schuhhersteller oder Steuerberater entwickelt, die auf den ersten Blick nicht zwingend mobile Anwendungen benötigen.
Nützliche Informationen für die Realität
Skeptiker halten der Smartphone-Euphorie entgegen, dass schon so manche technische Innovation den hohen Erwartungen nicht gerecht werden konnte. So steht der Nachweis für die These, dass Videokonferenzen Geschäftsreisen weitestgehend überflüssig machen, bis heute aus. Ein solches Schicksal droht iPhone, Nexus und Co. nach Einschätzung von Netzwerkforscher Kruse jedoch nicht. Seine Begründung: „Hier geht es nicht einfach um die bloße Substitution von etwas anderem, sondern diese Geräte generieren einen echten Mehrwert.“ Auch wenn die Verbreitung freilich immer einen gewissen „Modeanteil“ beinhalte. Vor allem böten sie jedoch eine neue Qualität zur Verarbeitung von Datenströmen. Das Ergebnis nennt er Augmented Reality - zu Deutsch: erweiterte Realität.
Im Gegensatz zur virtuellen Realität, in die ein Internetbenutzer komplett abtaucht, werden in diesem Fall nützliche Informationen für die Realität gewonnen. Das beste Beispiel sind für Kruse die Navigationssysteme für das Auto, die sich längst flächendeckend durchgesetzt haben. Für die Smartphones stehe diese Entwicklung noch am Anfang. „Wir lernen gerade erst, die Welt durch das iPhone zu sehen.“ Die rasante Entwicklung des Marktes für Apps, der Zusatzprogramme für die Geräte, mache deutlich, wie viel Potential die Technologie noch habe.
So kann das iPhone seine Nutzer auch produktiver machen. Lothar Seiwert, Holger Wöltje und Wolfgang Maison haben sogar ein Buch über „30 Minuten Zeitmanagement mit iPhone“ geschrieben. Darin zeigen sie den effizienten Umgang mit dem Gerät, geben Tipps für die Zeit- und Aufgabenplanung. Hinweise auf „Apps“ wie die Aufgabenverwaltung „Things“ zeigen, dass ein Smartphone - richtig eingesetzt - ein wichtiges Karriereinstrument sein kann. Denn eines ist sicher: Mit steigender Leistungsfähigkeit werden die mobilen Geräte immer mehr Funktionen erfüllen, auch im Geschäftsleben. Echte Insider werden allerdings derzeit kaum noch neue Geräte bestellen. Sie werden warten - bis die vierte Generation des iPhone auf den Markt kommt.
Von einem, der sich lange geweigert hat
Lange hat Mark Walther sich dagegen gewehrt, und der Erfolg gab ihm recht. Schließlich hatte er seine Karriere auch ohne Smartphone hinbekommen, Partner der Unternehmensberatung Concentro mit 35 Mitarbeitern und Büros in München, Nürnberg und Berlin ist er so geworden - ganz ohne ständige Erreichbarkeit per E-Mail. Und das ausgerechnet in dieser Branche: Restrukturierungen, Fusionen und Übernahmen sind die Spezialität von Concentro; wenn Mittelständler nicht mehr wissen, wie sie ihre Finanzierung auf die Beine stellen sollen, rufen sie Walther an - da geht es um große Summen und schnelle Entscheidungen. Dass er eine E-Mail binnen einer Stunde beantwortet, hat trotzdem noch nie jemand verlangt. Warum also sollte sich an seiner Überzeugung etwas ändern? „Eigentlich ist mein Tag dazu da, zu denken“, sagt Walther nach wie vor. Aber sein Widerstand ist gebrochen. Er und seine vier Partnerkollegen beschlossen, künftig jeden Neuzugang mit einem Smartphone auszustatten - da konnte er selbst nicht länger nein sagen. „Die Informationsfülle nimmt zu“, begründet Walther den Schritt. „Wir sind oft unterwegs, verbringen nur ein Drittel unserer Arbeitszeit im Büro, brauchen aber alle zwei bis drei Stunden ein Update.“ Allerdings, beteuert Walther, nutze er die Technik nur in sehr engen Grenzen - er lese seine E-Mails damit zwar, schreibe aber keine. Und vor Besprechungen schalte er das Smartphone konsequent aus. Schon um auszuschließen, was vor kurzem einem Verhandlungspartner widerfahren ist: Dieser habe für eine halbe Stunde den Konferenzraum verlassen, sein Blackberry aber sei liegengeblieben - und habe fast ununterbrochen geklingelt, bis einer der Anwesenden sich ein Herz genommen und die Aus-Taste gedrückt habe. „Als der Besitzer zurückkam, war er völlig aufgelöst, weil er sein Passwort nicht kannte“, berichtet Walther. „Das Gerät war seit drei Jahren nicht mehr ausgeschaltet gewesen.“ (lzt.)
Text: F.A.Z.
Von Sven Astheimer und Holger Schmidt
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